Wenn der Huf zu lang wird …

Der Huf wächst ständig weiter, im Sommer schneller als im Winter. Bei fehlendem Abrieb und/oder zu lange Intervalle zwischen den Hufbearbeitungen wird der Huf also zwangsläufig irgendwann zu lang.

Im Sohlenbereich kann dies bedeuten, dass die Eckstreben immer mehr nachschieben und sich über die Sohle legen (doppelte Sohle). Dadurch entsteht dauerhafter Druck im Sohlenbereich, dieser kann Hufgeschwüre zur Folge haben. Gerade bei flachen Hufen wird der Strahl immer breiter, die seitlichen Strahlfurchen können nicht mehr richtig gereinigt werden und Bakterien können ungehindert den Strahl angreifen (Strahlfäule).

In einigen Fällen kann man beobachten, wie der Huf versucht sich selbst zu helfen. Dann kann man schon mit dem Hufauskratzer ganz einfach poröses, überschüssiges Sohlenhorn entfernt. Der Strahl löst sich teilweise komplett ab und darunter befindet sich ein neuer Strahl.

Im Wandbereich fängt das Horn meistens an auszubrechen, Risse entstehen und oftmals wird die weiße Linie durch die stark hebelnden Wände aufgezogen. Dort wo der Wandüberstand nicht oder „ungünstig“ wegbricht, entstehen immer stärkere Hebel. Diese können je nach Lage einen flachen – und/oder schiefen Huf begünstigen. Der Tragrand wird durch das wegbrechende Wandhorn immer mehr geschwächt.

Beispiele Anhand zwei unterschiedlicher Pferde:

🐴1️⃣ Ein Pferd mit sehr langen Hufwänden. Die Hufe sind noch verhältnismäßig gerade, da es relativ gleichmäßig auffusst und die Hufe vorher scheinbar in Balance waren. Hier konnte ich mit nur einer Bearbeitung bereits das meiste korrigieren.

Der Hufe war deutlich zu lang und flach. Seitlich ist bereits viel weggebrochen, im Zehenbereich ist jedoch der überwiegende Teil stehen geblieben und hat den Druck auf den Trachtenbereich erhöht.
Nach der ersten Bearbeitung steht der Huf wieder steiler. An der Außenwand ist der Tragrand noch nicht wieder komplett hergestellt.

Gleiche Hufe, in der Ansicht von vorne/oben

 In der Sohlenansicht sieht man die weggebrochenen Seitenwände und den knapp 1cm Wandüberstand im Zehenbereich sehr gut. Dieser hat die weiße Linie deutlich aufgezogen.
Nach der Bearbeitung sieht der Huf immer noch ziemlich „unschön“ aus. Strahlfäule kommt zum Vorschein, der seitliche Tragrand fehlt teilweise immer noch und die Trachten sind untergeschoben. Dies wird sich im laufe der nächsten Bearbeitungen aber weiter verbessern.

🐴2️⃣ Ein Beispiel für stark wachsendem Horn im Sohlenbereich. Das Pferd hatte sehr lange, umgeklappte Eckstreben, viel Zerfallshorn und der Strahl ist sehr breit. An den Hinterhufen konnte man den Strahl komplett aufklappen, darunter befand sich bereits ein neuer Strahl (leider habe ich hiervon kein Foto).

Hufbearbeitung bei ängstlichen Pferden

Es kommt immer wieder vor, dass Pferde skeptisch oder gar ängstlich auf die Hufbearbeitung reagieren. Die Ursachen können vielfältig sein: das Pferd ist allgemein eher nervös, skeptisch Fremden gegenüber, mangelnde oder schlechte Erfahrungen in der Vergangenheit … Wichtig ist zu erkennen, ob das Pferd wirklich ängstlich ist oder eher eine allgemeine Unlust besteht und das Pferd testet, ob es denn wirklich mitmachen muss.

Folgende Punkte können ängstlichen Pferden die Hufbearbeitung erleichtern:

➡ Der Pferdebesitzer kann zwischen den Terminen die Bearbeitungssituation üben: Hufe geben und längeres Obenhalten der Hufe, Herumkratzen und leichtes Klopfen mit dem Hufauskratzer, Vorderbeine nach vorne rausziehen (wie später auf den Hufbock). Gegebenenfalls zusammen mit einer für das Pferd fremden Person üben.

➡ Genug Zeit einplanen. Dem Pferd, vor dem Start der Bearbeitung und wenn nötig auch währenddessen, immer wieder die Möglichkeit geben kurz durchzuatmen und zu entspannen.

➡ Herstellung einer entspannten Arbeitsatmosphäre: ruhige Umgebung, die das Pferde bereits gut kennt (ggf. eine Tageszeit wählen, an der im Stall weniger Betrieb und Hektik herrscht).

➡ Es kann helfen, wenn ein entspanntes Pferd dabei steht.

➡ Viele Pferde lassen sich durch Futter oder eine Leckschale ablenken. Sie werden dadurch deutlich entspannter und verknüpfen die Hufbearbeitung nach einiger Zeit mit etwas Positivem. Wichtig hierbei: Richtiges Timing! Nur dann belohnen wenn das Pferd mitmacht und aufhören, sobald der Huf nicht mehr bearbeitet wird.

➡ Das Pferd direkt vor dem Termin ausgiebig bewegen. Zum einen ist es danach meistens müde und entspannter, zum anderen fällt ihm das Hufe geben körperlich leichter, wenn es bereits aufgewärmt ist.

➡ Versuchen herauszufinden, wovor genau das Pferd Angst hat. Dies können bestimmte Geräusche während der Hufbearbeitung, der Hufbock oder Ähnliches sein. Dieses kann dann ggf. umgangen oder gezielt geübt werden.

➡ Ich achte darauf, bei der Bearbeitung mit den Punkten anzufangen, die dem Pferd am schnellsten helfen. Beispielsweise durch die Entfernung von Druck im Hufbereich (z.B. durch Trachtenzwang oder Steine in der Sohle). Die meisten Pferde merken, dass man ihnen hilft und werden kooperativer.

➡ Ich versuche die Bearbeitungszeit so kurz wie möglich zu halten. Zu Beginn lege ich den Fokus meiner Arbeit auf die nötigsten Schwerpunkte. Je nachdem wie gut das Pferd noch mitmacht, kann ich dann im Anschluss noch die Feinarbeiten durchführen.

➡ In einigen Fällen kann es auch helfen, die Hufe ohne die direkte Anwesenheit der Bezugsperson zu bearbeiten. Wenn diese selber sehr nervös ist und dies auf das Pferd überträgt.

Bild von Pferd

Erklärung der Hufstrukturen und der Bildung des Hufhorns

Der Pferdehuf besteht aus verschiedenen Strukturen (zur vereinfachten Darstellung lasse ich hier bewusst einige Teile weg, den detaillierten Aufbau könnt ihr in entsprechender Fachliteratur finden).

Im Inneren des Hufes befindet sich das Hufbein, umgeben von verschiedenen Hautschichten: Die Oberhaut, Lederhaut(en) und in einigen Bereichen einer zusätzlichen Unterhaut. Diese Schichten sind von Blutgefäßen und Nerven durchzogen. Die äußere Schicht des Hufes bildet das „tote“ Hufhorn.

Das Hufhorn wird in der Oberhaut (Epidermis) gebildet. Die dort gebildeten Zellen „wandern“ mit der Zeit immer mehr nach außen und verändern sich (lagern Kreatin ein und verbinden sich fest miteinander), im Anschluss sterben sie ab und werden zu Hornzellen.

Die Verbindung von Hufbein und Hornkapsel inklusive aller dazwischen liegender Strukturen wird als Hufbeinträger bezeichnet. Die Oberhaut und die Lederhaut falten sich in diesem „Verzahnungsbereich“ mehrfach auf (die Lederhaut auf insg. 2,4qm pro Huf) und greifen „fingerartig ineinander“. Hierdurch entsteht eine extrem stabile Verbindung. Was passiert wenn diese Verbindung gestört wird, kann man bei einer Hufrehe beobachten (Rotation/Senkung des Hufbeins).

Unterhalb des Hufbeins verbindet sich das Wand- und das Sohlenhorn mittels einer nicht mehr durchbluteten, flexiblen Lamellenschicht. Diese Verbindung wird sohlenseitig als weiße Linie bezeichnet.

Im Durchschnitt kann man beim Hornwachstum von folgenden Größenordnungen ausgehen: Das Horn der Hufwände wächst 7-8mm pro Monat, das Sohlenhorn wächst 4,5mm pro Monat. Somit wächst die Hufwand innerhalb eines Jahres einmal von oben nach unten durch, die Sohle erneuert sich alle 3-4 Monate. Im Winter wächst das Horn meistens langsamer als im Sommer.

Der Huf besteht aus Harthorn und Weichhorn. Das Harthorn (Hufwand, Hufsohle) gibt dem Huf Struktur und Festigkeit. Das Weichhorn (Strahl, weiße Linie, Saumhorn & Glasurschicht) sorgt für Flexibilität und Elastizität.

Durch diese Konstruktion kann der Huf sich beim Auffußen weiten, überwiegend im Trachtenbereich. Dies hat eine stark stoßdämpfende Wirkung (ca. 67% der Energie wird beim Auffußen absorbiert, bevor sie das Hufbein erreicht). Beim Abfußen verengt sich der Huf wieder. Diese Bewegung im Huf wird als Hufmechnismus bezeichnet, er sorgt dafür das Blut wieder „Körperaufwärts“ gepumpt wird.

Ist möglicherweise ein Bild von Text „Wandhorn Hufbein Lederhaut Sohlenhorn Weiße Linie“

Der steile Huf

Vom steilen Huf spricht man, wenn die Hebelfläche im Verhältnis zur Stützfläche zu kurz ist. Auch bei dieser Hufform wird das Pferdegewicht nicht optimal auf den Huf verteilt, es lastet zu viel Gewicht auf dem vorderen Hufbereich.

Die Hufform wirkt „Dosenartig“ und auch das Gangverhalten ist mit dem „Laufen auf Dosenstelzen“ aus Kindheitstagen vergleichbar.

Die falsche Lastverteilung wird durch folgende Merkmale am Huf sichtbar:

➡️ Die Hufwand wirkt im Zehenbereich stumpf

➡️ Sehr hohe Trachten (oftmals annähernd so hoch wie die Zehenwand)

➡️ „Verkümmerter“ Strahl, da er durch die hohen Trachten wenig bis gar keinen Bodenkontakt mehr erhält

➡️ Starke Sohlenwölbung

➡️ Der hintere Hufbereich verengt sich, die seitlichen Strahlfurchen werden eng und tief -> Strahlfäule wird begünstigt

Weitere Auswirkungen:

➡️ Der Gang des Pferdes wirkt stockend und wenig schwungvoll

➡️ Der Hufmechanismus ist reduziert

➡️ Verstärkte Erschütterung beim Auffußen -> Erhöhte Belastung der Gelenke

➡️ Es kann zu einer Rotation des Hufbeins kommen

Ursachen:

➡️ Gliedmaßen Fehlstellungen die zu einer stärkeren Belastung des vorderen Hufbereiches führen z.B. Rückbiegig- oder Rückständigkeit

➡️ Fehlbelastung der Gliedmaßen z.B. Aufgrund akuter oder chronischer Erkrankungen

➡️ Fehlerhafte Hufbearbeitung

Bei der Hufbearbeitung steiler Hufe lege ich, wenn möglich, den Fokus auf das Kürzen des hinteren Hufbereichs, so das der Hufmechanismus verbessert wird. Der Strahl erhält in der Bewegung wieder Bodengegendruck und durch das Kürzen der Trachten entsteht mit der Zeit wieder ein flacherer, ausbalancierter Huf.

Eine Sonderform des steilen Hufes bildet der Bockhuf. Dieser kann sowohl angeboren als auch mit der Zeit „erworben“ werden (wenn die Fehlstellung zu lange andauert). Beim Bockhuf sind am betroffenen Bein Sehnen (in erster Linie die tiefe Beugesehne) und Muskulatur verkürzt, so das eine flachere Hufstellung nicht ohne Weiteres möglich ist.

Der flache Huf (2/2)

Ursachen eines zu flachen Hufes:

➡️ Gliedmaßen Fehlstellungen

➡️ Fehlbelastung der Gliedmaßen z.B. aufgrund akuter oder chronischer Erkrankungen

➡️Fehlerhafte Hufbearbeitung und/oder zu langen Bearbeitungsintervalle

Einen flachen Huf wieder in Balance zu bringen benötigt Zeit und Geduld. Gibt es akute Auslöser (z.B. Erkrankungen) müssen diese abgestellt werden. Ist dies nicht möglich, ist nur ein regelmäßiges „Gegenarbeiten“ möglich.

Eine angepasste und engmaschige Hufbearbeitung ist essentiell. Hierbei setze ich den Fokus auf das Kürzen und Strecken der hebelnden Zehe, um den Druck auf den hinteren Hufbereich zu verringert. Der hintere Hufbereich erhält hierdurch die Chance sich zu erholen. Die Trachten können nachwachsen und durch das regelmäßige korrigieren der Zehe wird eine steilere Hufstellung erzielt.

Der flache Huf (1/2)

Vom flachen Huf spricht man, wenn die Hebelfläche im Verhältnis zur Stützfläche zu lang ist.

Beim flachen Huf wird das Pferdegewicht nicht mehr optimal auf den Huf verteilt. Im Stand liegt durch die verkürzten Stützfläche deutlich mehr Last auf dem hinteren Hufbereich. Das Pferdegewicht muss dadurch von einem kleineren Bereich des Hufes getragen werden.

Der erhöhte Druck im hinteren Hufbereich wird durch folgende Merkmale sichtbar:

➡️ Breiter, platter Strahl

➡️ Untergeschobenen/Umgeklappte Trachten

➡️ Geringer Sohlenwölbung (kann zu „Fühligkeit“ führen)

Neben den sichtbaren Anzeichen am Huf, kann die Überlastung zudem erhebliche gesundheitliche Schäden nach sich ziehen.

Am häufigsten verbreitet sind:

➡️ Überlastung der Sehnen (vor allem der Tiefen Beugesehnen und des Fesselträgers)

➡️ Erkrankungen des Hufrollenapparats

Die vergrößerte Hebelfläche im Zehenbereich hinterlässt ebenfalls ihre Spuren am Huf:

➡️ Aufgezogene/Verbreiterte weiße Linie

➡️ Hornspalten im vorderen Zehenbereich

Wenn man selber schon mal versucht hat mit Taucherflossen zu laufen, kann man sich ungefähr vorstellen wie die lange Zehe das Pferd im Bewegungsablauf behindert. Das Pferd kann je nach länge des Zehenbereichs kaum bis gar nicht mehr abrollen. Ein Anzeichen hierfür ist häufiges Stolpern.